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Mythos Mittelmeer

Leseprobe

Impressionen über Barbaren (= das sollen wir sein) und die Eroberung der Welt
Ursachenforschung

 

Impressionen über Barbaren (= das sollen wir sein) und die Eroberung der Welt

Durch die Feder Luis Racioneros geht der sarkastische, abwertende Schuss in die andere Richtung los, vom Süden nach Norden nämlich. Ein vorgehaltener Spiegel für uns, die „Barbaren des Nordens“? Was bleibt von unserem Selbstverständnis übrig, wenn ein blutechter Südländer die Menschen des Nordens und ihre Mentalität kritisch unter die Lupe nimmt?

Racionero beschreibt uns, die Besucher aus Europa nördlich der Mittelmeerregion, in seinem köstlichen Buch als „Barbaren des Nordens“. Er wirft uns etwas provozierend „die Zerstörung des mediterranen Lebensgefühls“ vor: „Der mediterranen Welt gelang es, mit ihren Sklaven, eine Zivilisation kreativer Muße zu schaffen, die Länder des Nordens aber brachten es – trotz Industrialisierung und Massenproduktion – nur zu einer Konsumgesellschaft. Obwohl die technologische Entwicklung heute eine neue Freizeitgesellschaft, eine neue Zivilisation der Muße ermöglichen könnte, wird dieser Idealzustand so lange nicht verwirklicht werden können, wie die Menschen des Nordens – in ihrem Innersten immer noch Puritaner – Arbeit und produktive Leistung vergöttern.“

Und damit nicht genug: „Die Theorie, nach der das frische Blut der Barbaren aus dem Norden die degenerierten Südländer aus ihrem trägen Nichtstun erlöste, aus ihrer immerwährenden Urlaubsstimmung im milden Klima von Capua, wo schon Hannibal und seine Soldaten ihre Kampfkraft verloren, diese Theorie stammt aus der Zeit eines enthusiastischen Fortschrittsglaubens. Heute ziehen die jungen Nordländer zwar wieder in den Süden, aber jetzt sind sie in grünen Umweltschutzparteien organisiert, prangern den zügellosen Fortschritt, das Leistungsdenken und die aggressive Rationalität an und fordern die Rückwendung zum Maßhalten und zur Einschränkung.“ Ist da nicht etwas wahres dran, was Luis über uns schreibt?

Ich beschäftigte mich beim Nachdenken über die Geschichte des Mittelmeerraums und damit der abendländischen Kultur und ihres Siegeszuges in der Welt mit folgender Frage: Das Europäische Mittelmeer ist geographisch gesehen unter den vier so genannten interkontinentalen Mittelmeeren unserer Erde – das sind jene, die zwischen verschiedenen Kontinenten eingekeilt sind – das kleinste und aus der Sicht der Dimensionen das unbedeutendste. So steht es in jedem Geographiebuch. Und doch wurden auch die entlegensten Winkel dieser Erde von Dingen beeinflusst, die ausgerechnet am Europäischen Mittelmeer entstanden und gewachsen sind und nicht woanders – obwohl es lange vor Jesus aus Nazareth doch auch in anderen Teilen der Welt Kulturen und Hochkulturen gegeben hat. Warum ist die Rolle des fast alles beherrschenden und dominierenden „Eroberers“ der abendländischen und damit eigentlich der mediterranen Kultur zugefallen? Warum ist auf dem europäischen Kontinent und im Rest der Welt nicht etwa irgendeine südostasiatische oder chinesische Kultur – einschließlich der Schrift und Religion – vorherrschend? Solche Kulturen haben sich vor Jahrtausenden etwa am australasiatischen Mittelmeer im Südosten Asiens etabliert.

Nach Meinung des US-amerikanischen Orientalisten James Henry Breasted spielte hierbei vor allem ein seit Jahrtausenden andauernder Kultur- und Machtkampf eine Rolle. Ursprünglich semitische Völker des Südens, die einen zivilisierten Küstenstreifen am Mittelmeer geprägt haben, sind indoeuropäischen (arischen) Nomadenvölkern aus dem Norden gegenübergestanden, die immer wieder und immer weiter zum Mittelmeer drängten. „Das Ergebnis dieser langen Auseinandersetzungen war der uneingeschränkte Sieg unserer Vorfahren, der indoeuropäischen Abkömmlinge, die schließlich unter den Griechen und Römern eine unangefochtene Vormachtstellung im Mittelmeerraum behaupteten“, schreibt Breasted.

Breasted ist allerdings kein mediterraner Mensch. Luis Racionero kommentiert die Ansicht dieses „Ariers“ wie folgt: „Leider vertritt aber auch Breasted – wie überhaupt die gesamte Geschichtsschreibung des Nordens – den Standpunkt, dass der Sieger im Krieg per definitionem immer der Bessere ist. Und deshalb verschweigt auch Breasted die Tatsache, dass die Arier bzw. ein Teil von ihnen, nämlich die Dorer, Kreta ausplünderten und zerstörten, eine tausendjährige Zivilisation also, die weder Heere noch Schutzwälle kannte, und dass die frühen Römer, eine Bande von Nomaden, in Latium einfielen, die Etrusker besiegten und alle übrigen alten Völker am Mittelmeer angriffen und unterjochten. Doch unter der Herrschaft der Arier, Dorer und Römer überlebte ein Bodensatz der Urvölker des Mittelmeerraums: Kreter, Etrusker, Sarden, Ligurer und Tartessen, die Bewohner von Tartessos, einer alten Stadt in Spanien in der Nähe des heutigen Cádiz. Sie alle zivilisierten die Indoeuropäer allmählich und trugen zur Entstehung von Geist und Kultur der Griechen und Römer bei. Doch kaum war dies geschehen, folgte eine weitere Invasion von Barbaren aus dem Norden; diesmal waren es die Germanen, die die griechisch-römische Kultur zerstörten.“

Wie auch immer: Trotz vieler Rückschläge und trotz unzähliger Finsternisse wurde schließlich die abendländische Kultur – nicht zu verschweigen: oft mit brutalsten und unmenschlichsten Machtmitteln, wesentlich seltener mit ehrlichem missionarischem Eifer und christlicher Sanftheit nach dem Vorbild des Nazareners – in die ganze Welt getragen. Diese abendländische und damit auch mediterrane Macht hat später den „Rest der Welt“ überrollt und viele andere Kulturen niedergewalzt. Worin ist die Selbstverständlichkeit begründet, mit der die Abendländer die ganze übrige Welt als ihren Besitz betrachteten? War die große monotheistische Religion des Abendlandes, das Christentum (allerdings – und das ist entscheidend – nicht in seiner ursprünglichen, sanften Form) dafür verantwortlich? Irgendeine „böse Zunge“ bemerkte dazu: „Rom wollte herrschen. Als seine Legionen gefallen waren, schickte es Dogmen in die Provinzen.“

Mit anderen Worten könnte das von Rom vereinnahmte Christentum gewertet werden als „ein Versuch der Römer, geistig zu unterdrücken, was sie mit Waffengewalt nicht beherrschen konnten: Ihr Erfolg war vollkommen, die Barbaren konvertierten, Bischöfe und päpstliche Gesandte ersetzten die römischen Konsuln und Tribunen“. So sieht es der blutechte Mediterraner Luis Racionero.

Die Länder des Mediterrans, mit Portugal auch des angrenzenden Atlantiks, waren tatsächlich die ersten, die einen Vorstoß zur Eroberung des Ostens und der Weltmeere unternommen haben – schon mindestens hundert Jahre vor den Briten, Franzosen oder Niederländern. Portugal, dicht gefolgt von Spanien, spielte dabei eine Vorreiterrolle – diese glorreiche Weltmacht von einst, die später zum ärmsten Land Westeuropas und der Union wurde. Es liegt strenggenommen nicht mehr an den Ufern des Mittelmeers, ist aber, da lässt sich kaum daran rütteln, in vielerlei Hinsicht zweifellos ein „mediterranes“ Land. Seit den Zeiten des Venezianers Marco Polo, der zwischen 1271 und 1295 auf dem Landweg Zentralasien erreicht hat, war den Europäern klar, welche Reichtümer im Osten auf sie warteten. Durch den Zusammenbruch des Mongolenreichs und die Errichtung des Osmanischen Reichs war der Landweg zu den Reichtümern jedoch abgeschnitten. Moslemische Händler hielten Handelswege und sagenhafte Gewinne fest in ihrer Hand. Mediterrane Mächte mussten nach neuen Wegen in den Osten suchen.

Der Portugiese Bartolomeu Diaz widerlegte daraufhin einen damals weit verbreiteten geographischen Irrtum: Er segelte – vorerst ohne es genau zu wissen – 1488 rund um die Südspitze Afrikas und zeigte, dass dieser Kontinent nicht bis zum Südpol reicht und es einen Seeweg zum Ozean südlich des Schwarzen Kontinents gibt. Den markanten Punkt 160 Kilometer östlich der südlichsten Spitze Afrikas nannte er Cabo Tormentoso oder „Kap des Sturmes“. Die stürmische Gegend wurde ihm zum Verhängnis: am 29. Mai 1500 ging er hier während einer Indienfahrt mitsamt seinem Schiff unter. Ihm folgte sein Landsmann Vasco da Gama, der erste Europäer, der Indien und damit auch den Indischen Ozean von Europa aus auf dem Seeweg erreichte. Fast hundert Jahre dauerte dann das Monopol der Portugiesen, ihre Vorherrschaft über die Meere, was schließlich zu einer Gegenbewegung anderer Seefahrernationen führte und die Holländer zum Ruf nach „Freiheit der Meere“ (Mare liberum) veranlasste.

Ein berühmter Italiener konnte zwischendurch einen der größten Triumphe verzeichnen. Sein Ziel war genauso wie bei Bartolomeu Diaz und Vasco da Gama Indien, allerdings schwebte ihm vor, sein Glück in Richtung Westen zu versuchen. Der Genuese Cristoforo Colombo kämpfte jahrelang vergeblich, seine Vision von der Westroute zu verwirklichen, bis er bei der spanischen Königin Isabella von Kastilien Unterstützung fand. Cristóbal Cólon (Christoph Columbus) wurde 1492 zum „spanischen“ Entdecker Amerikas. Er starb schließlich im Glauben, mit „Westindien“, der karibisch-mittelamerikanischen Inselwelt, tatsächlich den westlichen Seeweg nach Indien gefunden zu haben. Und die „Indianer“ erhielten einen neuen Namen.

Ob nach Osten oder Westen, die Bemühungen der Europäer, neue Seewege zu entdecken, hatten immer handfeste politische und vor allem wirtschaftliche Gründe. Das „Gold“ der damaligen Zeit hieß für die spätmittelalterlichen Geschäftsleute Zimt, Topase, Saphire und Granate aus Ceylon, Pfeffer aus Indien, Nelken und Muskat von den Molukken, außerdem Zucker, Drogen, Kosmetika, Duftessenzen, Farbstoffe, Gummi, Wachse, Seide aus China und Persien, Baumwolle, Diamanten und Smaragde aus Indien und Rubine aus Burma.

Die erstaunlichsten Gewinne waren mit Gewürzen zu erzielen. Das zeitgenössische Buch eines Lieferanten – mit Katalogen von Drogerieketten der Gegenwart vergleichbar – verzeichnet 288 verschiedene Artikel, ein für die damalige Zeit unglaublich reichhaltiges Sortiment. Wenn man für Pfeffer in Indien drei Dukaten bezahlte, kostete er in Kairo bereits 68 Dukaten und in Venedig schließlich 130 Dukaten. Ein Handelsrahmen mit einem 43-fachen Preisanstieg! Kein Wunder, dass Händler – etwa solche aus Genua oder Venedig –, die direkt an der Quelle in größeren Mengen einkauften, mit Gewürzen rasch ein Vermögen machten.

Ursachenforschung

Erwachsenwerden ist keine leichte Aufgabe. Oft wird mit Erleichterung festgehalten, dass Söhne, Töchter oder die Kinder der Nachbarn die schwierige Zeit der Pubertät ohne gröbere Schäden überstanden haben. Seltener nehmen wir jenen Verlust wahr, der – ob man es will oder nicht – fast immer mit dem Übergang zum Erwachsenenleben einhergeht. Kinder sind mit Fähigkeiten gesegnet, die den Erwachsenen in der modernen Welt größtenteils abhanden gekommen sind.

Die Augen der Kinder sehen und ihre Ohren hören wunderbare Dinge. Sie dürfen träumen, ein Privileg, das in der Zeit des Erwachens der mediterranen Kultur nicht nur Kindern geschenkt war. Damals hatte das Reich der Wirklichkeit und Phantasie keine so strengen Grenzen wie heute. Götter und Menschen, Engel und Steine, Bäume und Berge, Tiere und Pflanzen, Menschliches und Übermenschliches, Leben und Tod, das Meer – all das hatte etwas gemein, all das war beseelt und kaum durch irgendwelche Barrieren getrennt. Als die Wissenschaft noch in den Kinderschuhen steckte, konnten sogar Naturforscher ein wenig blicken und fühlen wie Kinder, voller Bescheidenheit, Neugier und Respekt, voller Angst vor dem Furcht erregenden Meer. In den letzten hundert Jahren ist diese für vieles offene Betrachtungsweise endgültig dem modernen, nüchternen und wissenschaftlichen Denken zum Opfer gefallen. Nur Dichter, Maler, (Lebens-)Künstler und Träumer haben sich etwas vom unschuldigen Blick der Kinder und der Alten bewahrt. Kinder genießen ihr Recht am Strand und mit Sandburg nach wie vor, soweit sie nicht durch elektronisches Spielzeug zu stark davon abgehalten werden (etwa Tamagochis „füttern“ oder ihnen „die Windeln wechseln“, aber das ist wohl im schnelllebigen Konsumzeitalter auch schon vorbei …). Die Moderne fordert einen Tribut. Schade um die verlorene Gabe. Könnten vielleicht einige längst verschlossen geglaubte Türen zum Träumen nicht wieder geöffnet werden?

Gerade am Meer kommt nicht nur bei Künstlern, sondern bei allen mediterranen Träumern das Gefühl auf, etwas Wichtiges sagen zu wollen. Es kann jeden treffen. Der in diesem Buch ausführlich zu Wort kommende Axel Munthe, dessen Leben und Fühlen trotz skandinavischer Wurzeln von der Mittelmeerinsel Capri stark mediterran geprägt war, schreibt im Vorwort zu seinem „Buch von San Michele“: „Man braucht nur still in seinem Stuhl zu sitzen, dem Raunen ferner Menschenstimmen zu lauschen und mit seinem blinden Auge auf sein Leben zurückzuschauen. Noch besser, sich ins Gras hinstrecken, in die Wolken sehen und an gar nichts denken. Kaum hat man eine Weile so gelegen und dem Schweigen gelauscht, so beginnen Wälder und Felder mit hellen Vogelstimmen zu singen, freundliche Tiere kommen, ihre Freuden und Leiden zu erzählen in Zungen und Lauten, die du verstehst, und wenn du ganz genau hinhorchst, beginnen sogar die leblosen Dinge um dich her in ihrem Schlaf zu flüstern: ,Es ist nicht wahr, dass du allein bist, nicht wahr, dass du sterben musst.‘“

Solch mediterrane Gefühle schlummern in vielen von uns. Es will aber nicht gelingen, die Gesamtheit der wesentlichen Dinge, die den Mittelmeerzauber ausmachen, zu erfassen. Vieles bleibt unaussprechlich. Nicht einmal die eigenen Beweggründe für diese unermüdliche Analyse sind einem klar. „Versuche nicht, uns den Mediterran zu entdecken“, sagt man mancherorts an den Küsten zu jemandem, der sich allzu tief in solche Überlegungen stürzt. Es kommt öfter vor, dass sich Besucher aus dem Norden darüber den Kopf zerbrechen. Die Einheimischen lächeln nur, wenn sie den Eifer eines Möchtegern-Mediterraniers, des Eindringlings sehen, mit dem er hinter das Geheimnis zu blicken versucht. Sie lächeln, wenn ein Fremder ihnen Dinge erzählt, die sie ohnehin wissen, die für sie kein Geheimnis sind. Man muss unter diesem Himmel geboren, an diesen Küsten aufgewachsen und geprägt worden sein, um das zu verstehen.

Am Mittelmeer ist der Sonnenschein zu Hause. Hier ist das Lied des Meeres, der Wellen und des Windes zu hören. Hier kann man die Anmut der Möwen bewundern, wie sie mit bemerkenswerter Leichtigkeit in den vielen Winden des Mittelmeers segeln. Eine genauere Kenntnis dieser Winde gehört ebenso zum guten Sprachton des Möchtegern-Mediterraniers wie kulinarische Einblicke und Feste im Jahrerhythmus. Nicht genau Bescheid zu wissen über Mistral, Scirocco, Levante oder Bora, wäre ziemlich beschämend!

Freilich spielt das Licht eine wichtige Rolle. Das ist heute kein Geheimnis mehr und keiner denkt an Hexerei, wo Herbst- und Winterdepressionen durch simples „Ins-Licht-Schauen“ durch ein stark leuchtendes Milchglas therapiert werden. Licht und Schatten, die ewigen Gegenpole: schon in der antiken Welt war es zumindest schemenhaft und gerüchteweise bekannt, dass es irgendwo im Norden, im sagenumwobenen Thule Gegenden gibt, in denen Nebel und Dämmerlicht herrschen, in denen sich die Sonne monatelang versteckt hält. Das ist schon bei uns in Mitteleuropa so, scheint mir, und noch viel stärker weiter im Norden.

Waren es die seefahrenden Phönizier, die diese Nachricht verbreiteten und davon Kenntnis hatten? Oder irgendwelche Bernsteinhändler, die vom Baltikum kommend von ihrer fernen Heimat erzählten? Bernstein wurde bereits in prähistorischen Zeiten für Schmuck und Kultgegenstände verwendet. In Griechenland war es bereits Jahrhunderte vor Homer bekannt. Da dieses Gold des Nordens, das nüchtern betrachtet nichts anderes ist als im Tertiär entstandenes fossiles Kiefernharz, hauptsächlich im Baltikum gefunden wird, wäre das leicht möglich. Der Mensch betrachtet aber zum Glück doch nicht alles nur nüchtern. Bernstein ist für ihn mehr als nur Harz. Es ist edel. Es ist schön. Es ist wie die goldenen Sonnen. Und im Vergleich zum fernen Land der Finsternis weit im Norden ist der Mediterran mit Sonne, Licht und Wärme gesegnet. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Schwarze Meer, das von den antiken Ländern aus gesehen im Norden liegt, ausgerechnet mit der Farbe Schwarz belegt wurde, oder dass Montenegro, slawisch Crna gora („Der schwarze Berg“) nördlich von Albanien liegt. Und alba bedeutet weiß.

Die Luft duftet am Mittelmeer anders und die Häuser leuchten in bunten oder auch verblassten Farben. Der von den Wänden bröckelnde Verputz, der zuhause schon längst einen unordentlichen Eindruck machen und unseren Missmut erwecken würde, wird geradezu erwartet und wohlwollend als Teil des lieblichen Gesamtbildes wahrgenommen. Wer sich in den nördlicheren Gegenden Europas vergisst und zu laut auf die andere Straßenseite ruft, wird durch strenge Blicke der Mitbürger bestraft. Was wäre aber die italienische Kleinstadt mit engen Gassen ohne sich schreiend unterhaltende Nachbarn, die sich von einem Fenster zum gegenüberliegenden Belanglosigkeiten zurufen?

Beeindruckt uns die schwer überschaubare, bunte Vielfalt des Mediterrans mit seinen vielen Gesichtern? Welcher der Begriffe, die harmonisch zu einem Kaleidoskop zusammengefügt den Mediterran ergeben, ist für den Mittelmeerraum wesentlicher als der andere und wäre der Wichtigkeit nach noch vor einem anderen zu reihen: die Geschichte und Kunst, die Architektur, der Schiffs- und Bootsbau, Küstenstädtchen und Häfen, in denen Fischernetze in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet sind, die Landschaft, die Küsten, die Gerüche der Macchia, das Licht, die Salinen, das Olivenöl, der Fisch- und Tanggeruch, die Lebensart und das Lebensgefühl, die Korallen- und Schwammfischer, Fischmärkte, die Rufe der Möwen, versunkene Schiffe, antike Ruinen und Amphoren, die Schifffahrt mit Fähren, Kreuzfahrten und Jachthäfen, in denen es sich der Geldadel gut gehen lässt, die Menschen, das Meer an sich … Man fürchtet bei solchen Auflistungen, ohnehin zur Unvollständigkeit verurteilt, dass man ausgerechnet das Wesentliche übersieht.

In Griechenland erzählt man sich über den wettermäßig noch unsicheren März, in dem der Winter den letzten Kampf mit dem Frühling austrägt, eine „sexistische“ Geschichte: „Der März hat zwei Frauen und will sich von keiner trennen. Deshalb schläft er zwischen beiden in einem Bett. Wenn er sich zur Hässlichen wendet, gibt es schlechtes Wetter, gelegentlich sogar Schnee. Dreht er sich zur Hübschen und lacht, dann gibt es Sonnenschein.“ Nun könnte Sonnenschein das gesuchte Stichwort, die ersehnte Erklärung sein. Hat die Beziehung zum Mediterran somit hauptsächlich simple geographische Ursachen? Blicken wir, die wir nördlich der Alpen leben, vor allem aus klimatischen Gründen neidvoll nach Süden, wo es als Jahreszeiten nur den Sommer und den Winter zu geben scheint? Elena Galini beschreibt das Brauchtum und die Natur Griechenlands und das dortige Klima: „Ganz anders im Süden, auf den Inseln und auf Kreta. Vordergründig kennen die Menschen hier nur zwei Jahreszeiten: Sommer und Winter. Im ganzen Land, doch besonders hier, gilt das Sprichwort: ,Ab März Sommer, ab August Winter‘. Wenn es nämlich im Mai allmählich so richtig heiß wird, Regen längst der Vergangenheit angehört und die Blumen langsam verblühen, stöhnt der Kreter: ,Wie sollen wir den Sommer überstehen?‘ Kaum werden im Oktober die Tage kürzer und nach den ersten Regenfällen auch merklich kühler, fragt er sich, wie er wohl den Winter überleben wird.“ Die zweite Frage stellen wir uns auch, die erste kaum.

Vermutlich hat jede Region ihre eigenen volkstümlichen Weisheiten, vergleichbar mit den Bauernregeln der Alpenländer, durch Generationen und über Jahrhunderte gesammelte und überlieferte Beobachtungen des Wettergeschehens. Ich habe zwar nicht den Eindruck, dass diese Regeln bei uns noch funktionieren, aber die Meteorologen versichern immer wieder, dass man subjektive Urteile über Wetterkapriolen nicht überbewerten sollte, da die Statistik eine klare Sprache spricht … Auch mediterrane Regionen haben ihre „Bauernregeln“, die hier vielleicht eher „Fischerregeln“ oder „Hirtenregeln“ heißen sollten. Auf Kreta zündet man am 23. April, am Vorabend des hl. Georg, vor dem Haus ein Feuer an und sagt: „Hinaus Läuse und Flöhe und weit weg ihr Mäuse.“ Wohl auch eine Art symbolischer Frühjahrsputz …

Das Jahr gliedert sich neben den üblichen Blütezeiten von verschiedenen Pflanzen, dem Regen und Ähnlichem zusätzlich nach Dingen, die uns wunderbar erscheinen und gut zu mediterranen Träumen passen: Thunfische, die drei Meter lang werden können, und andere wertvolle Fischarten ziehen zu bestimmten Zeiten an den Inseln oder Küsten vorbei und prägen mit ihren gut vorausberechenbaren Wanderungen den Lebensrhythmus der Menschen, Schafe werfen Ende Februar oder Anfang März ihre Osterlämmer, Orangen- und Zitrusbäume biegen sich gegen Ende des Winters unter der Last reifer Früchte, während die lange Olivenernte zu Ende geht. Große Netze, die monatelang in den Olivenhainen am Boden ausgebreitet waren, werden wieder irgendwo in den Häusern verstaut oder bleiben in manchen Regionen zusammengerollt zwischen den Baumstämmen hängen.

Wenn bei uns die nebelige, verregnete und kühle Herbstzeit einzieht, sitzen die südlichen Nachbarn noch in Straßencafés und schlürfen genießerisch an ihren Cappuccinos. Wenn bei uns noch strenger Frost herrscht und der Winter den Höhepunkt erreicht, blühen unten bereits die Mandelbäume, dicht gefolgt von vielen weiteren Frühlingsboten. Wenn wir erst die ersten Seiten des kürzesten Monats im Jahr aufblättern, verkündet die Wetterprognose nach den Fernsehnachrichten für Südspanien, Tunis, Palermo, Athen und Kreta strahlenden Sonnenschein und 18 bis 20 Grad – natürlich auf der positiven Seite der Temperaturskala. Ausgehungert nach solchen Zuständen, nach vier Monaten Lichtmangel, Regen, Nebel, Grau und Kälte von einer Winterdepression bedroht, möchten wir am liebsten etliche Seiten im Kalender entfernen. Marseille hat über 3000 Sonnenstunden pro Jahr und ohne es genau gezählt zu haben, habe ich oft den Eindruck, dass es bei uns genauso viele Regen- oder Nebelstunden sein müssen.

Man muss nicht weit im Norden leben, auch für jene, die im tiefsten Mitteleuropa wohnen oder deren Wohnort schon eher die Grenze zu Südeuropa überschritten hat, ist der Mediterran gleichbedeutend mit dem esoterisch anmutenden „Süden“. „Wir fahren in den Süden …“ – diese vielversprechende Ankündigung ist unendlich oft an unendlich vielen Tischen in unendlich vielen Familien gefallen und hat bei Alt und Jung Begeisterung und freudige Erwartung geweckt. Der magische „Süden“ ist gleichbedeutend mit Sonne, Licht, Wärme, Freiheit, Verlockung, Einladung. Selbst heimatliebende Patrioten aus nördlichen Heimstätten wurden dadurch immer schon angezogen, wobei das Bedürfnis nach mehr Sonne und Licht selten das einzige Motiv für diese Sehnsucht war, zumindest wurde es selten so artikuliert.

Träumereien sollten jedoch den Boden der Objektivität nicht ganz verlassen und den etwas weniger erfahrenen potenziellen Besucher nicht in die Irre führen, ihm einreden, da unten erwarte ihn zu jeder Jahreszeit und bei jeder Gelegenheit immer nur sonniges und warmes Wetter. „Lesen Sie das Kleingedruckte“, an dieser Stelle sei die Wahrheit offen ausgesprochen: der Mediterran bedeutet keinesfalls immer nur gutes Wetter – weder im Sommer noch im Winter und auch nicht dazwischen. Freilich, es gibt meteorologische Statistiken und Klimatabellen, die nicht lügen sollten, werden sie doch nach dem langjährigen Durchschnitt zusammengestellt. Aber Mark Twain schrieb einmal zynisch über Statistiken, dass es „drei Arten von Lügen gibt: offene Lügen, Halbwahrheiten und Statistiken“. Erfahrene Mittelmeerliebhaber haben auf ihren vielen Reisen zu verschiedenen Jahreszeiten schon einiges erlebt: Schneechaos (ohne Schneeketten geht dann nichts), eine Woche lang andauernder starker Wind oder Sturm (an ein Verlassen des geschützten Hafens ist gar nicht zu denken), Temperaturen, dass ein für hochalpine oder gar polare Verhältnisse geschaffener Anorak geradezu als Segen empfunden wird, tagelanger Regen, der an die biblische Sintflut denken lässt. Torrentielle Niederschläge, periodische Starkregen, Überflutungen, Schlammfluten, Tote … Es muss nicht immer kalt sein: ein schwüler Scirocco, der das Leben lahm legt, bleibt auch selten ohne Folgen. Und dann einige Tote durch Hitze in Griechenland … Nun haben wir das Kleingedruckte gelesen und was ändert sich? Nichts! All das kann uns das mediterrane Klima nicht schlecht machen, diese Wetterberichte, die man vor allem zwischen Oktober und März alltäglich und immer wieder in den Nachrichten sieht (zunehmend aber auch im Hochsommer), wissenschaftlich unanfechtbar und mit Satellitenaufnahmen belegt …

Geographische und damit wetterbedingte Aspekte sind im Hinblick auf mediterrane Gefühle nicht von der Hand zu weisen, aber was ist eigentlich der Mediterran geographisch? Wie ist er definiert? Wo beginnt er genau und wo hört er auf? Hat er feste Grenzen oder können sich diese nach den Gefühlen der Menschen verschieben? Manchmal ist das Meer recht weit und der mediterrane Geist der Landschaft und der Menschen ist dennoch unverkennbar, manchmal sind es nur einige Berge, die das Meer von einem Tal im Hinterland trennen, und schon ist man in einer anderen Welt jenseits des Mediterrans. Doch allgemein ist der Mediterran dort, wo Olivenbäume und auch Feigen wachsen – so hat man ihn schon vor Jahrhunderten und bei verschiedenen Völkern definiert. Etwas Wahres muss daher wohl dran sein an dieser Definition.

Vielfach blickten mediterrane Menschen auf jene herab, die nicht mehr dazugehörten, aber das würde uns bei der geographischen Abgrenzung kaum weiterhelfen. In Zeiten, wo die Geldbörse der Touristen zum Maß aller Dinge wird, würde eine solche Einstellung auch keinen Sinn ergeben. Ich kenne viele Menschen auf den Inseln und an den Küsten des Mittelmeers, für die mit den letzten Touristen im Oktober das Geldverdienen aufhört und erst wieder mit den ersten Touristen im Frühjahr beginnt. Mit dem Beginn des Geldverdienens hört dann wieder für sechs oder sieben Monate das Privatleben auf, die Intimität verlassener Strände, Landschaften, Städtchen und Lokale. An ihrer Stelle ebenso lebenswichtige wie lästige Massen von Touristen. Geld und Geschäft sind eine Seite der Münze, Respekt und Achtung des Fremden damit aber noch keinesfalls gesichert. Nicht immer geht das eine mit dem anderen einher. Nichts ist wunderbarer als Sprachkenntnisse, die Türen zu Menschen öffnen. Sie sind die Gastgeber, aber ich bin nicht mehr ein Namenloser aus der großen Masse Geld bringender Touristen, sondern ein geschätzter Besucher aus einem fremden Land.

Sind es die Gerüche und die Farben des Mittelmeerraums, die uns verzaubern? Das Meer schimmert im Verlauf eines Tages, umso mehr eines Jahres in den verschiedensten Farben. Der katalanische Architekt Antonio Gaudí schreibt über das mittelländische Licht: „Die Tugend liegt immer in der Mitte. ,Mediterran‘, das bedeutet soviel wie die Mitte der Erde. Im weichen Glanz des frühen Morgens, wenn das Licht in einem Winkel von 45 Grad auf die Erde fällt und Körper und Formen am besten zum Ausdruck bringt, kann große Kunst zur vollen Blüte gelangen, nur aufgrund dieses vollkommenen Gleichgewichts des Lichts: weder zuviel noch zuwenig, denn beides macht blind und die Blinden können nicht sehen. Im Mittelmeerraum sieht der Mensch das konkrete Bild der Dinge, worauf wahre Kunst beruht. Unsere gestalterische Kraft liegt im Gleichgewicht zwischen Gefühl und Logik: Die nordischen Rassen beschweren sich den Kopf, ersticken das Gefühl im Keim und produzieren nichts als Trugbilder, einfach, weil ihnen die klare Sicht fehlt.“

Das Meer erweckt oft den Eindruck einer verlockenden, transparenten, blauen Reinheit, es kann aber auch grünlich-trüb sein, sich bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in alle Farbtöne zwischen Gold, Gelb und Rot kleiden, silbrig sein beim Mondschein, bleigrau bis fast schwarz und glatt wie Öl vor einem bedrohlichen Himmel mit dunklen Gewitterwolken. Wenn sich die Wellen an langen Sandstränden oder an gewaltigen Felsküsten brechen, sprühen sie ihre weiße Gischt in den Wind. Aber auch das mediterrane Land hat seine besonderen Farben. Dort, wo in seiner Küstenregion eine dickere Bodenschicht liegt, bedeckt die Macchie die Zone der einstigen Steineichenwälder, diese typische mediterrane Vegetation aus Oleander, Ginster, Wacholder, Myrte, Lorbeer, Citrose, Baumheide, Erdbeerbaum, Mastixstrauch, Immergrünem Schneeball und vereinzelten Steineichen. Im Frühling zeigt sich die volle Blütenpracht der Landschaft. Der blühende Ginster verwandelt ganze Landstriche in ein gelbes, vom tiefen Blau des Meeres umrandetes Blütenmeer. Es leuchtet in einem Licht, das sich von jenem im Norden unterscheidet – oder ist es nur die rosarote Brille unserer Träume, die uns diesen Eindruck suggeriert?

Der Sommer und seine Trockenheit schwächen das Grün ab, blassgrünlich-bräunliche Pastelltöne beherrschen das mediterrane Küstenland, das aber auch im Sommer und Herbst vom saftigen, leuchtenden Grün der Pinien unterbrochen wird. Rosmarin, Thymian, Salbei und Oregano gedeihen hier und erzeugen im Kampf gegen Hitze und Trockenheit in ihren Blättern ätherische Öle, die sich ständig verflüchtigen und nicht nur für den würzigen Duft der Landschaft verantwortlich sind, sondern auch den Speisen ihr unverwechselbares Aroma geben. Mediterrane Gerüche wirken magisch und rufen unabhängig von Ort und Jahreszeit – es kann auch im Winter und weit weg vom Mittelmeer irgendwo in Nordeuropa sein – Empfindungen wach. Olivenöl, Knoblauch, Rosmarin, Thymian und Oregano zaubern Gerüche hervor, die jeder gleich erkennt und zuordnen kann.

Neben Farben und Gerüchen sind die Formen von Bedeutung. Auf der Fahrt in den Süden wird mit Freude die erste Palme wahrgenommen, die Silhouetten der Zypressen, die sich mit ihrer typischen schlanken Gestalt zusammen mit Städtchen und Kirchtürmen auf sanften Berghügeln gegen den Himmel abheben, Feigenbäume mit ihren süßen Früchten und die breitkronigen Pinien mit ihrem Grün. Sie sind auf der Fahrt in den Süden auch ohne einen Blick auf Karte und Ortsschilder botanische Zeugen des Vordringens zum Ziel unserer Träume. Dass manche der botanischen Begleiter Eindringlinge aus der Neuen Welt sind, tut der Freude an ihnen keinen Abbruch: so der Feigenkaktus Opuntia oder die Agaven mit ihren riesigen, sieben und mehr Meter hohen „Blütenkronleuchtern“, die ein einziges Mal hervorgebracht werden, womit das Ende der Agave eingeläutet wird. Vor 500 Jahren schon haben die Spanier diese Exoten aus dem eroberten „Lateinamerika“ an das Mittelmeer gebracht. Heute würden wir sie als „typisch mediterrane“ Begleiter ungern missen.

Das Meer und das Land treffen an der Küste aufeinander. Das Mittelmeer scheint eine unendlich lange Küste zu haben, vor allem wenn man alle Inseln berücksichtigt. Allein Griechenland kann sich mit seinen unzähligen Halbinseln und Inseln über 15.000 Kilometer Küstenlinie rühmen! Sind es diese Küsten mit ihren vielfältigen Landschaften, mit ihren Gerüchen nach Salz und Tang, mit dem Rauschen und Toben der Brandung, von denen die stärkste Ausstrahlung ausgeht – obwohl die Küsten nicht die Grenzen des Mediterrans bilden, beginnt er doch eigentlich erst an ihnen so richtig? Küsten sind nicht nur ein geographischer Begriff, eine Puzzleteilen ähnlich geformte Linie, deren vielfältige Formen als Meerbusen und Landzungen mit Körperteilen verglichen werden, an der sich das Meer, die Luft, die Sonne und der Wind mit dem Land treffen. In ihnen ist etwas Metaphysisches enthalten. Das feste Land als Ort der Geborgenheit hört hier auf und etwas Verlockendes, aber gleichzeitig Furcht Einflößendes und Unergründliches beginnt – Gefühle, die den alten Seefahrern genauso bekannt waren wie modernen Jachtenseglern. Man möchte diese Grenze überwinden und von der einen Welt in die andere überwechseln.

Ist es im Falle des Mittelmeers dieser eigenartige Eindruck ihrer starken Verzahnung, dieser Gegensatz zwischen festem Stand, der Stabilität des Landes hier und des weiten, bewegten Meeres dort? Ist es diese besondere Lage zwischen drei Kontinenten, wodurch der Eindruck entsteht, dass das Land das ganze Meer umgibt und das Meer dadurch so klein und überschaubar wird, gleichzeitig aber auch das Meer große Teile des Landes umschließt – denken wir nur an Italien mit seinem Stiefel, das mediterranste aller Mittelmeerländer (mit Ausnahme Norditaliens ist man in diesem Land nie mehr als hundert Kilometer vom Meer entfernt), denken wir an das von drei Seiten vom Meer umspülte Griechenland mit seiner stark gegliederten Küstenlinie oder die ganze Balkanhalbinsel.

Küsten sind wild oder sanft, felsig oder sandig, steil oder flach, gefährlich oder gemütlich, manchmal auch eintönig, meist aber einmalig und faszinierend. Liegt eine kleine Insel unweit der Küste, auf der wir stehen, übt auch schon das gegenüber liegende Ufer eine seltsame Anziehung auf uns aus – obwohl dort vielleicht nichts anderes zu erwarten ist als auf unserem gegenwärtigen Standpunkt. Je weiter entfernt die andere Küste ist, desto größer ist die Verlockung, desto aufregender sind die Vorstellungen davon, was man auf der anderen Seite erleben würde. Den nördlichen Küsten des Mediterrans gegenüber liegt der Schwarze Kontinent, eine andere, fremde Welt. Die östlichen Küsten des Levantinischen Beckens bilden die Ufer des sagenumwobenen Orients.

Sokrates sprach von den mediterranen Küstenbewohnern als von Menschen, die „auf einem schmalen Landstreifen entlang des Meeres leben, wie Ameisen oder Frösche um einen Sumpf“. „Die Urmentalität des Mittelmeerraums, die wie seine Pflanzen nur auf dieser Erde gedeiht und in seinen Bewohnern zum Ausdruck kommt, verdient größere Aufmerksamkeit, als ihr die Geschichtsschreiber, fast immer Nordländer, bisher geschenkt haben“, meint Luis Racionero, selbst ein Südländer, der den „Barbaren des Nordens“ vorwirft, noch unzureichend zivilisiert zu sein. Liefern demnach die Menschen entlang der Küsten die wahre Antwort? Sind sie tatsächlich anders? Ist es ein anderes Lebensgefühl, eine andere Lebensart der Küstenbewohner, ihr Charakter mit dem überschäumenden Temperament, ihre Fröhlichkeit und der manchmal rasche Wechsel zu einer melancholischen Traurigkeit, die uns anziehen? Gibt es die vielzitierte Leichtigkeit des Seins, die wir hier zu verspüren glauben, nur in unserer Phantasie, weil wir lediglich Besucher sind und nicht wirklich wissen, wie das Leben hier ist? Ist es nur die scheinbare Wahrheit eines Klischees?

Ist es wahr, dass die Südländer manche Dinge des Lebens nicht so ernst nehmen, wie es der Mentalität der Menschen weiter im Norden eigen ist? Lieben sie ihre Familie, ihre Kinder mehr als wir? Spielt sich ihr Leben mehr in der Gemeinschaft und auf der Straße ab? Ist es ihre Beziehung zum Meer, die sie reicher macht als uns, sind es diese unglaublichen und abenteuerlichen Geschichten, ist es ihre ruhmreiche Vergangenheit, in der sie sich gegen das Meer behaupten mussten? Gedeiht unter der südlichen Sonne eine besondere Leidenschaft, mit der ihr Leben gewürzt ist und die sie jung hält? „Am Mediterran altert der Körper schneller als der Geist“, behauptet Predrag Matvejeviç.

Wie die Küstenbewohner wirklich sind, ist nicht leicht zu beantworten. Hier hat sich an der Ansicht, dass eine Tochter weniger ist als ein Sohn, seit der Antike vielerorts nicht viel geändert, aber kann man das verallgemeinern? Mediterrane Menschen können, wie andere Menschengruppen auch, ganz unterschiedlich sein. Wie viele Nationalitäten, Völker und Völkchen, Sprachen und Dialekte gibt es hier? Was haben Spanier, Italiener und Griechen gemeinsam und was trennt sie? Es ist unwahrscheinlich, dass man sie alle mit vereinfachten Definitionen erfassen könnte, denn manche sind schon seit Jahrtausenden mediterran und damit Originale, andere erst seit Jahrhunderten. Die Römer etwa verkörperten mit ihrem Expansionsdrang, Machtanspruch und Imperialismus keinen ursprünglich mediterranen Menschenschlag. Dieser wurde vielmehr von den Etruskern dargestellt, die von den Römern niedergewalzt wurden.

Wenn mediterrane Menschen auf unsere Fragen antworten, fehlt uns die Sicherheit, ob sie untereinander das gleiche sagen wie Fremden gegenüber. Sie selbst beschäftigen sich zum Teil mit großer Leidenschaft mit der Ursachenforschung, die in diesem Buch betrieben wird, mit Problemen unterschiedlichster Natur: Geschichte, die Völker, die Menschen und ihre Mentalität, Religionen, Kunst, das Leben am Meer, Küsten, Geographie, Pflanzen und Tiere, Schafzucht und Fischerei, Ölbäume, Handel und Tourismus sind nur einige wenige von ihnen. Einigen erscheint es aber auch überflüssig und sinnlos. Ist das Blickfeld der Menschen auf eine typisch mediterrane Art eingeengt, auf Dinge, die ihr Meer umgeben? Es wäre kein Wunder, wenn sie den Mediterran als Mittelpunkt der Welt ansehen würden, und es würde der Jahrtausende alten Tradition der Region entsprechen. Oder interessieren sie sich dafür, was im Norden passiert, genauso wie wir für den Süden? Viele Fragen der Beobachter von außerhalb an die Küstenbewohner bleiben unbeantwortet.

Der bereits zitierte Antonio Gaudí behauptet etwas, was vielen Nordländern vermutlich nicht gefallen wird: „Die Bewohner des Mittelmeerraums nehmen Schönheit viel intensiver wahr als die des Nordens. Die Menschen des Nordens bauen mit ihren Reichtümern große Museen, und ihre gehorteten Kunstschätze sind ein Vermögen wert, von dem ihre Urheber, die meist unter ärmlichsten Umständen ihr Leben in den Ländern am Mittelmeer, in Ägypten oder Italien, fristeten, nicht einmal einen Bruchteil abbekommen haben. Die Menschen aus dem Norden sind zwar stolz darauf, solch wertvolle Schätze zu besitzen, aber ihnen fehlt jene eigene gestalterische Vision, die uns vergönnt ist und nicht mit Gold aufgewogen werden kann.“

Es sind nicht nur irgendwelche geschichtlich-archaische Aspekte, die den mediterranen Menschen charakterisieren. Die Verknüpfung des Alten und Modernen ist heute ein bezeichnender Wesenszug des Mittelmeerraumes. Esel- und Ochsenkarren gibt es hier genauso wie Satellitenschüsseln und unendlich viele Mobiltelefone, einfache Arten der Landwirtschaft ebenso wie große Agrarindustrie, häusliche oder manufakturelle Herstellung von Waren ebenso wie computergesteuerte, hochmoderne industrielle Produktionsstätten, einfaches Leben in alten Steinhäusern und unter Olivenbäumen im Hinterland, kleinen Dörfern oder Inseln genauso wie die Hektik moderner Großstädte. In manchen Gegenden scheinen die Hupen zu den wichtigsten Instrumenten eines Automobils zu gehören und möglichst laut sollten sie sein …

Haben Sie schon einmal für das Gastgeberland entscheidende Sportübertragungen im Fernsehen im Süden miterlebt? Alt und Jung versammeln sich in den Cafés, Lokalen und den Straßen und Plätzen davor, kleine und größere Kinder, um die sich niemand Sorgen macht, laufen laut schreiend zwischen den Menschenmassen und genießen die Freiheit zur späten Abendstunde, und wird ein Tor oder Punkt zugunsten unseres Gastgeberlandes erzielt, ist der Jubel kaum zu übertönen.

Kulinarische Aspekte sind für mediterrane Träumereien ohne Zweifel von keiner geringen Bedeutung. „Man lebt nicht, um zu essen, sondern isst, um zu leben“ – diese asketische Weisheit können wir im Mediterran getrost vergessen. Hoffentlich hat sie kein Mittelmeermensch so formuliert. Die Südländer essen gern und sie tun es keinesfalls nur um zu leben. Sie leben auch, indem sie sich genussreich an Essen und Trinken erfreuen. Essen gleicht nicht dem simplen Auftanken eines Automobils. Es ist Lebensart und mehr als die Notwendigkeit, den Motor am Laufen zu erhalten. Dennoch leben die Südländer nicht unbedingt ungesünder, ganz im Gegenteil: Die Gaben des Mediterrans, Gaben des Meeres und des umgebenden Landes mitsamt den Ingredienzien seiner Küche müssen gesund sein, wenn man den Statistiken Glauben schenken will. Vom Essen schwärmte auch der „Yankee“ Mark Twain – lange bevor Fastfood erfunden wurde – während seiner „Reise durch die Alte Welt“ im Jahre 1867:

„Aber die glücklichste Regelung der französischen Eisenbahnordnung ist – dreißig Minuten für das Mittagessen! Keine fünf Minuten zum Verschlingen von zähen Brötchen, trübem Kaffee, fragwürdigen Eiern, gummiartigem Rindfleisch und von Pasteten, deren Rezept und Zubereitung allen außer dem Koch, der sie schuf, ein dunkles und blutiges Geheimnis sind! Nein, wir setzten uns gelassen hin – es war im alten Dijon, das so leicht zu buchstabieren und so unmöglich auszusprechen ist – und schenkten uns kräftige Burgunderweine ein und arbeiteten uns in aller Ruhe kauend durch eine umfangreiche Speisekarte hindurch, mit Schneckenpastetchen, köstlichen Früchten und allem übrigen, bezahlten dann die Kleinigkeit, die es kostete, und bestiegen freudig wieder den Zug, ohne ein einziges Mal die Eisenbahngesellschaft zu verfluchen. Ein seltenes Erlebnis, eins, dessen Erinnerung man sich für immer bewahren sollte.“

Der kulinarische Tag bricht im Mediterran, zumindest dort, wo er noch richtig mittelländisch ist, erst am Abend, zur Zeit des Sonnenuntergangs an. Es ist ungut, wenn man als Gast schon am späten Nachmittag oder frühen Abend von Hunger geplagt wird, denn die Restaurants sind wie ausgestorben, und man wird beim Betreten des Lokals von einem zufällig vorbeieilenden Koch oder Kellner mit Unverständnis angeschaut. „Das kann nur ein Tourist sein, der um diese Zeit etwas essen möchte“, mag er sich denken. Und uns ist immer eingeprägt worden, dass man später am Abend nichts mehr essen sollte …

Ist es die großartige Geschichte, von der die Ausstrahlung dieser Region ausgeht, dieses allgegenwärtige Mosaik aus Vergangenheit und Gegenwart, das nirgendwo stärker sichtbar wird als hier? Auch diese Geschichte kann man idealisieren. Im Widerspruch zum Traum bekämpften sich viele der hier lebenden Menschen und Völker immer wieder und führten furchtbare Kriege gegeneinander. Die Spuren der menschlichen Geschichte sind dennoch beeindruckend. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine so alte und so weit ausgedehnte Kulturlandschaft wie hier. Man hat dem Land über Jahrtausende Leid und tiefe Wunden zugefügt, seine Wälder abgeholzt und doch wirkt es auf uns heute an vielen Stellen so verzaubernd. David Attenborough, einer der Bewunderer des Mediterrans, schreibt in seinem Buch „Das erste Eden“: „Diese Landschaften versteht man nur im Licht ihrer Vergangenheit. Schließlich handelt es sich bei ihnen um die älteste Kulturlandschaft der Welt. Tatsächlich hat der Mensch nirgendwo stärker auf seine Umwelt eingewirkt oder kontinuierlichere, detailliertere und reichlichere Spuren seines Tuns und Treibens hinterlassen.“ Mit fast jedem geographischen Namen sind bedeutende geschichtliche Ereignisse verknüpft, an die man sich – soweit man sich nicht besonders für Geschichte interessiert – zumindest dunkel aus dem Schulunterricht erinnert.

Auf der Suche nach den Wurzeln für unsere mediterranen Träume stoßen wir auf eine Erklärung, die man für eine gemeine Unterstellung halten kann. Sie soll der Objektivität halber trotzdem nicht unerwähnt bleiben, frei nach der Erkenntnis: das Gelobte Land ist das Land, wo man nicht ist. Wurde uns die nahezu metaphysische Zuneigung zum Mediterran durch Tourismusindustrie und Werbung anerzogen? Immerhin sind wir etwa die fünfte (oder doch schon die zehnte?) Generation von Mittel- und Nordeuropäern, die zum Mittelmeer reist, um dort dieses schwer zu fassende, aus vielen Komponenten zusammengesetzte mediterrane Etwas zu erleben. Nur die Jüngeren können sich nicht mehr an „die rote Sonne“ erinnern, die „auf Capri im Meer versinkt“. Haben naiv-romantische Filme oder Schlager aus der Zeit des westeuropäischen Wirtschaftswunders uns bereits als Kinder beeinflusst, so dass wir dem Mittelmeer mehr oder weniger indirekt erlegen sind, noch bevor wir überhaupt das erste Mal dort waren?

Was ist Wahres dran an den mediterranen Träumen? Ist die obligate Reise ans Mittelmeer eine Art Flucht vor uns selbst, vor Dingen, die wir im Süden für zwei Wochen ablegen und vergessen können? Beeinflussen uns rudimentär in uns schlummernde, romantische Traumbilder aus der Kindheit und Jugendzeit? Wer kann sich nicht an jenen wunderbaren Augenblick erinnern, als er das Meer zum ersten Mal erblickte – außer jene, die für eine solche Erinnerung damals noch zu klein waren? Die aufregende Szene wiederholt sich jedes Mal, wenn sich der erste Blick aufs Meer eröffnet, auch wenn man weiß Gott kein mediterraner Neuling mehr ist. Ist das alles ein Mythos, dem wir mit so viel Inbrunst nachlaufen, ein Glaube, den wir uns selbst geschaffen haben, den wir mit großem Eifer gehegt und gepflegt haben, damit er uns nicht abhanden kommt? Ist überhaupt einer der genannten Gründe für unsere mediterranen Träume verantwortlich oder sind es alle zusammen? Der Mediterran wehrt sich mit seiner bunten Vielfalt gegen Definitionsversuche. Es könnte das Zusammenspiel dieser und noch anderer Gründe sein. Letztlich bleibt das alles nebensächlich, die Ausstrahlung, die Anziehung, den mediterranen Genuss erleben wir auch ohne diese ganze forensische Analyse der Gründe.

Wir versuchen uns – unabhängig von Geburtsort und Nationalität – selbst zu Staatsbürgern des Mediterrans zu machen. Wir sind stolz, wenn wir manche seiner Geheimnisse kennen und vor anderen damit prahlen können, wenn wir viele seiner Buchten, Inseln und Halbinseln, Strände und Städtchen, Straßen und Wege, Olivenhaine, Hügel, Berge und Vulkane, Klöster und Kirchen oder Höhlen besucht haben, wenn wir mit seinen Winden, Wellen, Strömungen, Pflanzen, Tieren, der Unterwasserwelt mit all ihren Seeungeheuern, seiner Geschichte und sonstigen Geheimnissen vertraut sind. Es wird uns warm ums Herz, wenn wir auf mediterrane Glaubensbrüder treffen, die an Winterabenden bereit sind, etwas von den eigenen Erlebnissen preiszugeben, mit uns zu teilen und sich unsere Geschichten anzuhören („… ich kenne eine Bucht an der Westküste von Paxos, mit steilen Klippen, blauen Grotten und einsamen Stränden. Sie sind nur mit einem Boot zu erreichen, ohne Menschen und mit schneeweißen runden Steinen und glänzenden Opalen im türkisblauen Wasser, davor eine Felsklippe im Meer, bei der man schnorchelnd in die geheimnisvolle Tiefe blicken kann … “).

Bilder vom Vorjahr werden wieder einmal andächtig betrachtet und Erinnerungen werden wach – ein besonderer Vollmond einer lauen Nacht mit dem Konzert der Zikaden, das Rauschen des Meeres und andere Imaginationen, aus denen der Traum besteht. Die schönste Freude, die Vorfreude, weckt ein Gefühl von Erwartung, von bevorstehenden Erlebnissen, von Freiheit, von neuen Chancen und neuen Entdeckungen. Die letzte Herbstreise ans Mittelmeer wird nicht die letzte bleiben, denn im kommenden Frühling werden uns – so war es bis jetzt immer schon – frische Lockrufe des Mediterrans erreichen.

Wir sind unermüdlich auf der Suche nach heiler Natur, nach Reinheit, Ursprünglichkeit und Unberührtheit. Das kann im Falle des Mediterrans aber nicht der Grund für seine Anziehungskraft sein, denn diese Dinge gibt es hier selten. Seit Jahrhunderten – an vielen Stellen seit Jahrtausenden – gibt es an viele Küsten des Mittelmeers keine ursprüngliche und unberührte Naturlandschaft mehr. Die „unberührte“ Landschaft ist vielmehr eine Kulturlandschaft.

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